Sesselflechter Gerhard Stöglehner hat die Fäden in der Hand

Gerhard Stöglehner ist Sesselflechter. Ein Besuch in seiner Werkstätte offenbart eine vergessene Zeit.

Gerhard Stöglehner hat die Fäden in der Hand. 150 Gramm um genau zu sein und das über seinen achtstündigen Arbeitstag verteilt. Der gelernte Tischler aus dem Mühlviertel in Oberösterreich ist Sesselflechter. Seit vier Jahren flicht er im 18. Wiener Bezirk in seiner Werkstatt im Keller eines Gründerzeithauses.

Viel Platz hat er dort nicht. Seine Arbeitsaufträge lassen sich mittlerweile stapeln – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Direkt neben der Eingangstür türmen sich Wiener Kaffeehaussessel (Thonetstuhl Nr. 14) mit großteils kaputter Sitzfläche – das Wiener Geflecht ist nach Jahrzehnten intensiver Nutzung gerissen.

Kurier/Franz Gruber

Auch ein Korbsessel wartet auf eine Reparatur, genauso wie zwei dänische Stühle im 50er Jahre Stil. Hinter dem Berg aus Stühlen lehnen Regale an der Wand. Sie sind gefüllt mit Büchern über Kunstgeschichte und selbstgemischten Farben in Einmachgläsern. Darauf kleben kleine Proben von Wiener Geflechten in verschiedenen Tönen.

Flechten wie vor 100 Jahren

Schräg gegenüber steht das Herzstück der Werkstatt: die Werkbank mit Schraubstock. Darin klemmt ein Wiener Kaffeehausstuhl, dessen Sitzfläche Stöglehner gerade neu flicht. „Beim traditionellen Wiener Geflecht wird jeder Faden einzeln eingezogen“, erklärt er.

Kurier/Franz Gruber

Ganz im Gegenteil zur modernen, maschinell gefertigten Variante des Wiener Geflechts. Stöglehner verwendet es auf Kundenwunsch zur Restaurierung. Er wird auf 15,3 Meter langen Rollen geliefert.

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Der Holzring der Sitzfläche ist dann nicht wie üblich mit Löchern zum Einfädeln der Fäden durchbohrt, sondern einer „Nut“ (längliche Vertiefung) durchzogen. „Das Geflecht wird hineingepresst und zusätzlich mit Leim befestigt“, erklärt der Handwerker.

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Geschichte des Geflechts

Die Geschichte des Wiener Geflechts beginnt in Südostasien. Dort wachst die lianenartige Schlingpflanze Rattan. Portugiesische Kolonien haben das Material Mitte des 16. Jahrhunderts nach Europa gebracht.

Woher der Name Wiener Geflecht stammt, ist laut Stöglehner nicht klar zu definieren. Er vermutet, dass es mit der Serienproduktion des Thonet-Stuhls um 1900 zusammenhängt. Dieser war auch mit geflochtener Sitzfläche sehr beliebt. „Trotzdem ist das Wiener Geflecht nur in Österreich unter diesem Namen bekannt“, erklärt Stöglehner.

International wird es Sechsstufengeflecht genannt. Denn: Es entsteht in sechs Arbeitsschritten.